Fenster zum Hof - Hobrechts Schatten

bearbeitet von: Marlene Brenner, Sophia Keppler

Im dichten, steinernen Berlin begreifen wir Enge nicht als Mangel, sondern als Ausgangspunkt für neue räumliche Möglichkeiten. Sie eröffnet den Gedanken, der sich zwischen die bestehenden Strukturen schiebt. Aus der Tiefe des Hofs wächst ein neues Volumen, das den Ort nicht bricht, sondern weiterdenkt. Es schafft Ausblicke, verhandelt Beziehungen neu und erweitert den Blick, ohne den Ort zu verlassen.

Der Standort am Nordufer in Berlin-Wedding liegt direkt an der Panke, einem Nebenfluss der Spree, und bildet einen städtebaulich vielschichtigen Raum zwischen industrieller Vergangenheit, gründerzeitlicher Blockrandbebauung und genossenschaftlich geprägtem Reformwohnungsbau. Bereits im 19. Jahrhundert prägte die Industrialisierung das Gebiet: Die Nähe zum Wasser, zur Eisenbahn und zur Innenstadt machte den Standort attraktiv für Fabriken, Arbeiterunterkünfte und Versorgungsinfrastruktur.

Die besondere Qualität des Ortes liegt in seiner vermittelnden Position: Hier trifft der idealistisch-sozial orientierte Reformwohnungsbau der Baugenossenschaft auf die dichte, oft introvertierte Struktur der gründerzeitlichen Mietshäuser. Zwei sehr unterschiedliche Wohnmodelle mit eigenständiger städtebaulicher DNA so stehen offene, gemeinschaftliche Höfe versus enge Blockrandstrukturen nebeneinander.

Das Projekt „Hobrechts Schatten“ nimmt diese Ausgangslage auf und reagiert auf die bestehende Baulücke zwischen einem klassischen Mietskasernenblock und einem Reformwohnblock von Paul Kolb (1904–05). Der Entwurf knüpft an die reformerischen Ideen der Genossenschaftsbauten an und entwickelt daraus ein wabenförmiges Gebäude, das die beiden Bestandsbauten miteinander verbindet und den Innenhof räumlich neu fasst.

Zentrales Element des Entwurfs ist die gefaltete Fassadengeometrie. Die ursprünglich flache Hoffassade wird aufgespalten und in Anlehnung an die versetzten Anschlussgebäude gefaltet. Dadurch entstehen Vor- und Rücksprünge, die jeder Wohneinheit einen eigenen Balkon ermöglichen und vielfältige Blickbeziehungen in den Hof eröffnen. Aus einer engen, introvertierten Situation wird so eine räumlich offene Geste. Der Hof verwandelt sich in einen gemeinsam geteilten Ort mit individueller Qualität.

Ein einheitliches Fassadenraster sorgt dafür, dass alle Wohneinheiten gleichwertige Balkone erhalten und somit gleichgültige Wohnverhältnisse geschafft werden. Die Wohntypologien im Hauptgebäude reichen von kompakten Ein- und Zweizimmerwohnungen bis hin zu gemeinschaftlich nutzbaren WG-Angeboten. Das ergänzende Hofgebäude beherbergt Loftwohnungen, die trotz unterschiedlicher Typologie der gleichen Fassadenlogik folgen und so die gestalterische Kohärenz des Ensembles sichern.

Die Ensemblebildung wurde durch gezielte Sonnen- und Lichtstudien unterstützt, um Belichtung und Hofqualität zu gewährleisten. Ein kleineres Hofgebäude ergänzt das Hauptvolumen, ohne das Konzept zu stören, und schafft eine klare räumliche Ordnung.

Im Erdgeschoss verbindet eine Passage die beiden Höfe und ermöglicht eine Durchwegung des Blocks. Entlang dieser Passage sind funktionale Angebote wie Fahrradabstellplätze und Müllbereiche angeordnet. Gleichzeitig bietet das Erdgeschoss gemeinschaftlich nutzbare Räume: eine Wohnküche und ein großzügiger Aufenthaltsbereich, der Kochen, Verweilen und sozialen Austausch ermöglicht.

In den Regelgeschossen sind jeweils drei Wohneinheiten pro Etage angeordnet: zwei Zweizimmerwohnungen an den Brandwänden und eine zentrale Einzimmerwohnung mit offenem Grundriss. Die versetzte Anordnung erzeugt eine lebendige Grundrissstruktur, während die äußere Form der Wohnungen klar und einheitlich bleibt.

Das Dachgeschoss reagiert sensibel auf die umliegende Bebauung und ist als Staffelgeschoss ausgebildet. Es beherbergt zwei Wohneinheiten mit Balkonen, die sowohl zum Innenhof als auch zur gegenüberliegenden Hofseite orientiert sind und so eine besondere Wohnqualität bieten.

Die Innenorganisation folgt einer klaren Zonierung: private Bereiche wie Schlaf- und Kinderzimmer liegen zur ruhigeren Hofseite, gemeinschaftlich genutzte Bereiche wie Wohnen, Kochen und Essen öffnen sich zur lebendigen Hofseite. Treppenhaus und Badezimmer sind funktional und gestalterisch konsequent positioniert. Besonders das Badezimmer vermittelt zwischen Flur und Wohnraum und übernimmt subtil die Geometrie der gefalteten Fassade, wodurch Innenraum und Außenwirkung miteinander verschränkt werden.

So entsteht ein Ensemble, das die Besonderheiten des Standorts aufgreift, die Hofqualität verbessert und Wohnraum mit individueller und gemeinschaftlicher Funktionalität verbindet.

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