Hinterhaus, Vordergarten
Fenster zum Hof - Hobrechts Schatten
bearbeitet von: Larissa Chvaicer-Pimenta, Isabella Wiedemann-Diaz
Mitten in den Hinterhöfen Berlins suchen wir die Antwort aus dem Schatten heraus. In den Zwischenräumen und verdichteten Innenhöfen der Blöcke liegt oft verborgenes Potenzial, das wir in unserem Entwurf aufgreifen. Unser Ansatz beginnt nicht an der repräsentativen Straße, sondern im Kern des Berliner Blocks, wo Licht und Luft über Jahrzehnte zweitrangig waren.
Am Nordufer des Spandauer Schifffahrtskanals soll eine Lücke zwischen zwei Gebäudetypen gefüllt werden: einem geschlossenen Mietshausflügel und einem Reformwohnblock von 1904–05. Letzterer steht für durchgrünte Höfe, funktionale Grundrisse und gemeinschaftliche Nutzung.
Der bestehende Block am Nordufer ist ein Ort voller Gegensätze: Auf der einen Seite die geschlossene Brandwand eines klassischen Berliner Mietshauses, auf der anderen ein offener, durchgrünter Reformwohnblock der Genossenschaft. Diese Dualität setzt sich im Inneren fort: Zwei Verteilerhöfe und ein Ehrenhof strukturieren den Raum. Die Lücke war einst Teil des Mietskasernenblocks. Sie nimmt bestehende Wege auf, belässt Erschließungen und öffnet zugleich neue Räume durch die Erweiterung von Wohn- und Hinterhof. Aus der architektonischen Geste des Kindes wird so ein Impuls: aus Schatten und Lücke entsteht ein neuer Ort des Lebens.
Zentral für die räumliche Organisation ist die bauliche Trennung zwischen Vorderhaus und Hof. Inspiriert von Michael Alders Arbeiten entsteht eine filigrane Stahlstruktur, die nicht nur als funktionale Erschließung dient, sondern den Hof aktiviert: als Ort des Durchgangs, Verweilens und sozialen Austauschs. Licht, Luft, Blicke und Begegnungen strömen hindurch. Das Terrassenzimmer – wie ein kleiner Pavillon im Hof – schließt sich nach hinten an. Es fungiert als Treffpunkt für Bewohner:innen aller Etagen und verbindet vertikale Erschließung mit horizontalem Leben.
Der Baukörper folgt dem Prinzip des Durchlässigen: Angedockte Elemente bleiben Teil des Freiraums, es entstehen keine harten Grenzen. Runde Ecken, offene Treppen und leichte Strukturen schaffen fließende Übergänge und Integration. Inspiriert von Baugerüsten, wie am Projekt Treimli 128 im Zürcher Kreis 3, interpretiert die gerüstartige Struktur Licht- und Schattenseiten des Bestands neu, bleibt flexibel, wandlungsfähig und offen für vielfältige Nutzungen. Ein massiver Kern wird von leichten Strukturen umgeben, die räumliche Tiefe erzeugen, den Hof neu strukturieren und zur Nutzung einladen. Die Lücke wird so zu einem Möglichkeitsraum: offen, durchlässig, genossenschaftlich.
Das „HinterHaus“ bildet Rückgrat und soziale Mitte des Entwurfs. Die bauliche Trennung schafft unterschiedliche Zonen der Öffentlichkeit: der Wohnhof als gemeinschaftliche Mitte, flankiert vom Erschließungssystem aus Laubengängen bis zum Gartenzimmer. Das erhöhte Erdgeschoss beherbergt gemeinschaftlich nutzbare Räume: Fahrradstellplätze, Müllräume, Lager, Co-Working, Teeküche, barrierefreie WCs und flexible Gästewohnungen. Diese Räume können alltäglich genutzt oder bei Festlichkeiten aktiviert werden, wodurch der genossenschaftliche Gedanke greifbar wird.
Darauf folgen drei Regelgeschosse mit schaltbarem Wohnen: Wohnungen sind querbelüftbar und konsequent geschichtet – Schlafzimmer zur ruhigen Hofseite, Wohn-, Koch- und Essbereiche zur gemeinschaftlichen Hofseite, dazwischen die kompakte, flexible Nasszellenschicht. Unterschiedliche Wohnungstypen vom 1-Zimmer-Apartment bis zur 3-Zimmer-Wohnung lassen sich bedarfsorientiert kombinieren, barrierefrei und anpassbar. Das Gartenzimmer erweitert das Wohnen um eine kollektive Komponente. In den oberen zwei Geschossen befinden sich Maisonettewohnungen; das Dachgeschoss bietet zusätzlichen Raum für künstlerische oder temporäre Nutzung.
Die Fassadengestaltung folgt der inneren Logik: ruhige Lochfassade zum Hinterhof, durchlässige, rhythmisch gegliederte Fassade zum Hof. Die mittlere Schicht verbindet Schlaf- und Wohnbereiche und ermöglicht flexible Raumkonfigurationen über Falttüren – Durchgang oder Erweiterung, je nach gewünschtem Maß an Privatheit oder Offenheit. Wohn-, Ess- und Kochbereiche öffnen sich zum Hof und Laubengang, private Balkone schaffen Rückzugsmöglichkeiten.
Die Kombination aus flexibler Raumstruktur, gemeinschaftlichen Übergangszonen und robusten Grundrissen schafft ein Wohnmodell, das auf Wandel, Gemeinschaft und Funktionalität ausgerichtet ist. Alt und Neu werden verbunden, der Hof vom Hinterraum zum offenen Vordergarten transformiert. Die Lücke am Nordufer wird nicht nur baulich gefüllt, sondern als Vermittler zwischen städtebaulichen Typologien, als strukturelle Verbindung zwischen bestehenden Hofsystemen und als Beitrag zu einem zeitgemäßen, gemeinschaftlich orientierten Stadtwohnen aktiviert.