Reformblock Steglitz II, Berlin
BdW XIV Metropol
bearbeitet von: Fabienne Fink, Lena Kurzel
Die Wohnanlage Steglitz II wurde in den Jahren 1907–1908 vom Beamten-Wohnungs-Verein zu Berlin eG errichtet, einer 1900 gegründeten Genossenschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, bezahlbaren und zugleich qualitätsvollen Wohnraum für Beamte zu schaffen. Zur Bauzeit lag das Areal noch am Stadtrand Berlins und war von Feldern, Gärten und Ackerland geprägt – ein Umfeld, das den Anspruch eines gesunden und ruhigen Wohnens unterstützte.
Entworfen wurde die Anlage vom Architekten Paul Mebes, die künstlerische Ausgestaltung der Fassaden und Hauseingänge übernahm der Bildhauer Walter Schmarje. Die ungewöhnliche, langgestreckte Grundstücksform stellte eine städtebauliche Herausforderung dar, die Mebes mit der Einführung einer internen Privatstraße und einer mäandernden Anordnung der Baukörper löste. Zwei markante Kopfbauten fassen die Anlage zur Straße hin und erzeugen eine klare städtebauliche Kante, während sich im Inneren geschützte, gemeinschaftlich nutzbare Freiräume entwickeln.
Die Anlage steht exemplarisch für den Reformwohnungsbau des frühen 20. Jahrhunderts und bildet einen bewussten Gegenentwurf zur dichten und hygienisch problematischen Mietskasernenbebauung der Gründerzeit. Geringe Gebäudehöhen, schlanke Bautiefen, Ost-West-Ausrichtung sowie durchgesteckte Wohnungen gewährleisten eine gute Belichtung, natürliche Durchlüftung und ein gesundes Wohnklima. Großzügige Grünflächen, Pachtgärten, Spielplätze und gemeinschaftliche Außenräume fördern soziale Interaktion und Erholung.
Architektonisch zeichnet sich Steglitz II durch eine differenzierte Fassadengestaltung aus: Ziegelrohbauten zur Straße und verputzte Gartenseiten mit Loggien, Lauben und Balkonen. Rhythmisch gegliederte Fassaden, symmetrisch aufgebaute Kopfbauten und individuell gestaltete Eingangsportale verleihen der Anlage eine hohe gestalterische Qualität. Auch die Wohnungen lagen mit Bädern, Balkonen, separaten Küchen und gemeinschaftlichen Einrichtungen wie Waschküchen deutlich über dem damaligen Standard.
Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Wohnanlage erhebliche Schäden, mehrere Gebäude wurden zerstört. Der Wiederaufbau in den 1960er-Jahren erfolgte unter dem Eindruck akuter Wohnungsnot und führte zu verdichteten Grundrissen sowie einer deutlich reduzierten Fassadengestaltung. Auch die Gartenanlagen wurden in der Nachkriegszeit zeitweise zur Selbstversorgung genutzt.
Heute dokumentiert die Wohnanlage Steglitz II anschaulich die Entwicklung des Berliner Wohnungsbaus – vom frühen Reformgedanken über kriegsbedingte Zerstörung und pragmatischen Wiederaufbau bis hin zu einem bis heute funktionierenden genossenschaftlichen Wohnmodell mit hoher städtebaulicher und sozialer Qualität.
Das ausgewählte Bild zeigt den Eingangsbereich des Erdgeschosses im Fritschweg 7 mit Blick in das Treppenhaus. Der Raum ist symmetrisch aufgebaut und in Zentralperspektive dargestellt. Die Komposition lenkt den Blick unmittelbar auf die mittig angeordnete Treppe, die durch eine Bogenöffnung mit Kassettendekor gerahmt ist. Von den unteren Stufen führt der Blick nach oben zu einem hellen Fenster mit feingliedrigem Sprossenrahmen, das den Treppenraum mit Tageslicht versorgt.