Blinder Fleck

Unbequeme Denkmäler - Colonia Piaggio, 
Santo Stefano d‘Aveto

bearbeitet von: Greta Mauz, Nina Ludwig 

Die Ferienkolonie „Rinaldo Piaggio“, benannt nach dem 1938 verstorbenen Firmengründer, liegt im Herzen des Ligurischen Apennins, rund 50 Kilometer von der Küste und 100 Kilometer von Genua entfernt. Mit dem Aufstieg des italienischen Faschismus in den 1920er Jahren übernahm der Staat die Finanzierung und Organisation der „Ferienkolonien“. Diese Einrichtungen dienten nicht nur der physischen Ertüchtigung sozial benachteiligter Kinder, sondern auch ihrer ideologischen Prägung. Die Kolonien wurden zu einem zentralen Instrument faschistischer Propaganda und symbolisierten die Präsenz des Staates in der Volksfürsorge. Ihr Einfluss reichte über die unmittelbar dort untergebrachten Kinder hinaus und prägte ganze Generationen.

Die von Luigi Daneri entworfene Ferienkolonie besteht aus einem Haupt- und einem Nebengebäude. Der dreigeschossige, schmal gehaltene Hauptbau folgt einer konkav geschwungenen Form nach Süden und beherbergte ursprünglich Schlafsäle, Verwaltungsräume und den Speisesaal. Eine klare Symmetrieachse bestimmt die Struktur des Gebäudes. Der Haupteingang lag auf dieser zentralen Achse und war durch einen überdachten Gang mit einem

kleineren Nebengebäude verbunden. Nach der obligatorischen medizinischen Aufnahmeuntersuchung im Nebengebäude betraten sie über einen überdachten Verbindungsgang zwischen Haupt- und Nebengebäude die eigentliche Haupteingangshalle, den sogenannten „Ehrensaal“ der Ferienkolonie. Dort wurden sie in Gruppen eingeteilt und einem der insgesamt acht Schlafsäle zugewiesen. Bis zur Abreise verließen und betraten sie das Gebäude nur noch über die Zugänge der Südseite.
Die geplante Umnutzung distanziert sich bewusst von der ursprünglichen Funktion und ideologischen Prägung des Ortes. Statt Hierarchie und strikter Ordnung soll hier ein Raum für freie Meinungsbildung und künstlerische Vielfalt entstehen. Die neue Nutzung als Künstlerinnen-Residenz schafft flexible Atelierwohneinheiten, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Arbeitsweisen ihrer Bewohnerinnen eingehen. Dabei steht das Individuum im Mittelpunkt – ein bewusster Gegenentwurf zur einstigen uniformen Gemeinschaft der Ferienkolonie.

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